Ev.-luth. Kreuzkirchengemeinde Marcardsmoor

“Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.” (Johannes 15, 16)

Ich habe mich oft gefragt, was eigentlich das Besondere am Miteinander unter Christen ist. Meistens sind Christen nicht wesentlich netter zueinander, als andere Leute. Wenn es Streit gibt unter ihnen, ruft immer jemand aus: “Unglaublich! Das so etwas unter Christen möglich ist.”

Unter Christen wird belogen und betrogen, nachgestellt und nachgeredet. Leider. Ich wünschte, es wäre anders. Und doch: Es gibt einen Unterschied: Christen geben sich damit nicht zufrieden.

Liebe ist eben doch mehr als Harmonie. Jesus hat seine Gefährtinnen und Gefährten geliebt. Und wie! Ja, wie? Nicht nur harmonisch jedenfalls und nicht nur, wenn sie taten, was ihm gefiel.

Selbst Judas hat er bis zum Schluss geliebt. Ich erinnere mich an einen schlimmen Streit in einer Gemeinde. Man konnte einander nicht mehr in die Augen sehen. Gespräche waren nicht mehr möglich. Tief getroffen gingen einige, tief getroffen blieben einige zurück.  Andere konnten weiter denken, weiter fühlen, weiter gehen. Mit der Zeit verstanden sie, dass Versöhnung nicht heißt, sich zu vertragen. Der Konflikt muss nicht bewältigt sein, um einander von neuem zu begegnen. Kränkung und Wut können überwunden werden, wenn wir uns erinnern, wie Jesus liebte und bis heute liebt.

Er bestand nicht auf sein Recht und doch war seine Haltung klar.

Ich bin sehr froh und dankbar, dass in unserer Gemeinde ein liebevoller Frieden herrscht. Das ist nicht selbstverständlich, auch nicht, dass wir im Kirchenvorstand so humorvoll und gut zusammen arbeiten. Die Gruppen und Kreise mögen einander, die Generationen begegnen einander mit Respekt und Wohlwollen. Damit das so bleibt sind wir täglich gefragt, einander so zu begegnen, wie Jesus es uns vorlebte. „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt …“ – dieses Lied (es hat die Nummer 572 im Gesangbuch) singen wir fast nie, weil es ziemlich kompliziert ist. Aber schön … Lest es mal durch!  Es erzählt davon, wie es manchmal ist und wie es sein könnte, so zu leben und zu lieben wie Jesus.

Wie Jesus lieben ist eine schwere Aufgabe, an der wir manchmal scheitern werden. Wie gut wäre es, wenn wir einander nie verloren gäben. Wenn wir uns die Mühe machten, einander nachzugehen und den Versuch zu machen, einander zu verstehen. So könnten wir zum Vorbild werden für viele. Das wäre schön. Das alles setzt voraus, dass wir uns selbst geliebt fühlen.

Jesus sagt: Liebt einander! Er gebietet das sogar.

Wenn wir diesen Gemeindebrief in den Händen halten, steht der Herbst vor der Tür. Möge er golden sein, mit genug Wasser zum Leben und der Sonne im Herzen für die dunkle Jahreszeit.

Alles Liebe!

Ihr und Euer Martin Kaminski

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Mai 2018:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

So dichtet Paul Gerhard in seinem tollen Lied aus dem Jahr 1653. Es gibt noch 14 weitere Strophen – wenn man sie alle singt, ist man eine Weile beschäftigt. Aber es macht Spaß!

Es ist eines dieser zeitlosen Lieder, die Zeilen lesen sich fast märchenhaft. Ein Wort aus der Strophe 1 gefällt mir besonders gut! Es ist das Wort SUCHE! Suche Freud, lieber Mensch! Warte nicht, bis sie sich irgendwann einstellt und du dann seufzend sagst, dass du ja so lange auf die Freude gewartet hast. Suche sie! Geh raus …

In diesen Sommertagen kann man viel Freude finden, wenn man sie sucht. Ist das so? Stimmt das auch, wenn die Sorgen um unser Leben oder Menschen die wir lieb haben übermächtig scheinen? Ich glaube schon. In den letzten Monaten habe ich viele Menschen mit wirklich großen Sorgen getroffen. Und viele von ihnen haben gesagt, dass sie TROTZ ALLEM die Freude suchen wollen und sie dann manchmal auch finden. Das ist sehr tröstlich und ich möchte das auch lernen.

So schwinge ich mich auf das Fahrrad und radle in Marcardsmoor am Kanal entlang. Das ist bei fast jedem Wetter wunderschön. Toll war auch, als wir mit den Kindern des Kinderbibeltages in Upschört auf dem Spielplatz waren … - Oder das Einsäen der Blumenwiese in Wiesedermeer …

Viele schöne Momente … Konfirmation, Taufe, Himmelfahrt … - das hat mir alles sehr viel Freude gemacht. Wir wollen die Freude hier bei uns suchen. Und wenn wir um jemanden wissen, der das selbst gerade nicht mehr kann, dann können wir ihr oder ihm ein wenig Freude bringen! Ich habe gerade eine ganze Kiste mit mutmachenden Büchlein bestellt. Wenn Ihr jemanden wisst, der so ein Büchlein brauchen kann … - ruft mich an und holt euch eins!

Nichts aber auch gar nichts wird leichter, weil wir die Freude aussperren. Wenn die Schatten übermächtig werden, kann eine Blume Wunder bewirken. Auch wenn wir wissen, dass es Menschen gibt, deren Kummer so groß ist, dass sie nicht mehr aufstehen können.

Für manche ist der Sommer Urlaubszeit. Mich ärgert es immer, wenn es scheinbar nur um die Frage geht, wer zu welchem Preis wohin fährt, um dem Alltag zu entfliehen. Ich möchte lieber einen Alltag haben, der das ganze Jahr lebenswert ist und ich finde in unserer Gemeinde unendlich viele Orte und Menschen, die diesen Alltag sehr lebenswert machen!

Bedenken wir also ruhig, dass viele Menschen keinen Urlaub haben oder nicht in der Lage sind wegzufahren. Bedenken wir, wie wichtig es ist, dass wir hier bei uns die Freude suchen, finden und verteilen!

Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

Das ist Strophe 14 … - Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sommer. Denen die reisen ebenso wie denen die bleiben. Möge Gott in allem Schweren und Schönen spürbar nahe sein.


Radioandachten von Martin Kaminski im April 2018


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Februar 2018:

Ostern? Na und… 

Der Zeitgeist tönt uns entgegen. Wen interessiert das schon? Ostern, zwar nach wie vor ein klassisches Familienfest, aber Auferstehung ist doch eher etwas für alte Leute und verklemmte Brillenträger. „Der Herr ist auferstanden.“ Die großartigste Botschaft aller Zeiten verhallt zwischen den Last-Minute-Angeboten der Reisekonzerne und der Frage, was man noch so an den Feiertagen anstellen kann.

Und dabei haben wir haben Auferstehung so bitter nötig.

„Ich habe den Herrn gesehen!“ (Johannes 20, 18)

Das sagt Maria aus Magdala, als sie von einer Art Friedhofsbesuch wiederkehrt. Sie war keine große Rednerin und kein einflussreicher Mensch. Sie galt wenig unter den ihren.

Das Evangelium des Johannes erzählt uns, dass gerade sie es war, die Jesus als erste aufsuchte. Ausgerechnet ihr zeigte er sich mit seiner liebenden Nähe. Als die Männer sich verkrochen hatten, da machten sich die Frauen auf den Weg. Als die Männer ohnmächtig und voller Angst sich selbst im Wege standen, da fanden die Frauen Wege aus der Ohnmacht. Sie packten an, gingen los und wussten nicht, wer ihnen den Stein vom Grab wälzen würde. Sie haben einfach vertraut. Sie hatten Hoffnung. Gott, er würde sie nicht allein lassen.

Wer wälzt den Stein vom Grab unserer Tage? Haben wir Vertrauen? Oder sitzen wir wie die Jünger Jesu im Versteck und warten …

Einer wird da sein, der wälzt den Stein vom Grab. Warum haben wir daran Zweifel? Trauen wir Gott nichts mehr zu? Hätten wir doch das Vertrauen der Frauen, die sich gegen alle Vernunft auf den Weg zum Grab machen.

Wie groß ist die Liebe Gottes, dass wir Menschen bei ihm Zuflucht finden.

Der Herr ist auferstanden. Wir können daran zweifeln, dass er jetzt mitten unter uns ist und unsere Sorgen kennt. Wir können aber auch daran glauben. Er hat einen Weg für uns. Er will ihn mit uns gehen. Trotz aller Ohnmacht der Passionszeit reißt er den Himmel für uns auf. Unsere Augen müssen wir selbst aufmachen, um den Himmel zu sehen.

Jesus ist nicht fort und verloren. Er lebt.

Wir sind nicht verloren. Er ist unser Erlöser. Wer das in sein Herz lassen kann, der wird neue Hoffnung schöpfen.

Durch das Leiden des Karfreitag müssen wir gehen. Aber dann:

Der Herr ist auferstanden!

Uns allen wünsche ich den Glauben daran, dass dies möglich ist und wahr wurde. Der Glaube an die Auferstehung kann uns auch mitten im Leben Mut machen, an Neuanfänge zu glauben. Dabei spielt unser Alter keine Rolle. Es geht eher um unsere Haltung im Leben. Jeden Tag  neu.

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November 2017:

Gott wird Mensch.


Nicht nur im Kind in der Krippe, dass später Christus wurde. Auch in Dir und mir. In unseren zugigen Lebensstall will er einziehen und unsere Dunkelheit erhellen. Selbst wenn wir allein sind, wenn wir die erste Kerze am Adventskranz anzünden … - wir sind es eben doch nicht! Die Gemeinschaft unserer Kirchengemeinde ist ein Zeichen für die lebendige Gegenwart Gottes in dieser Welt. Lasst uns das feiern – einander diese Gegenwart Gottes durch liebevolle Zuwendung zeigen!

Gott wird Mensch, auch in Marcardsmoor, Upschört und Wiesedermeer!. Gott IST Mensch in diesem Jesus, der so zerbrechlich war und später von sich sagt, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.  Dass Jesus lebt ist kein frommer Spruch, sondern eine Erfahrung, die wir miteinander machen können und an die wir uns auch in unseren einsamsten Stunden erinnern dürfen.

Das neue Jahr begrüßt uns schließlich mit einer bemerkenswerten Jahreslosung:

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Offenbarung 21,6 (L)

 

Umsonst! Ist das nicht schön? Wir müssen nichts können, nichts zahlen und nichts leisten um das lebendige Wasser Gottes zu bekommen.

Es ist fast so, wie wenn wir miteinander im Gemeindehaus oder in unseren Häusern Tee trinken. Ich fühle mich dann immer gestärkt und ermutigt … -

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, gewährt uns der Seher Johannes den Ausschnitt Blicks auf das himmlische Jerusalem. Bei allem Geheimnisvollen bergen die Worte der Offenbarung zutiefst menschliche Bedürfnisse wie eben Durst. Johannes spannt einen Bogen von den ersten bis zu den letzten Seiten der Bibel. Dazwischen liegt die Geschichte Gottes mit uns Menschen.

 

Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Trotzdem sterben jährlich über drei Millionen Menschen, alle zwanzig Sekunden ein Kind, an unzureichender Wasserversorgung. Auch wenn viele von uns durchaus wissen, was Not bedeutet: Eine solche Not können wir uns kaum vorstellen.

Und doch: Als Christen müssen wir es versuchen.

Lasst uns einander zu trinken geben! Lasst zu, dass Jesus Christus uns zur Quelle führt. Und lasst uns etwas gegen die Armut auf dieser Welt unternehmen. Zum Beispiel mit einem Geldschein in die Kollekte von BROT FÜR DIE WELT.


Sonntagsbetrachtung von Martin Kaminski in unseren Zeitungen im November 2017:

Es war einmal ein Junge, er mag vielleicht 7 Jahre alt gewesen sein. Er hatte Eltern, die ihn liebten und ging in eine Schule, die ihm überwiegend Spaß machte. Es war übrigens keine Ganztagsschule. Er hatte seine Hausaufgaben erledigt, heute fand keine Kindergruppe in der Kirchengemeinde statt, auch hatte er weder Musikschule, noch Sportverein auf dem Programm. Seine elektronische Spielkonsole ließ er liegen und auch der Fernseher blieb heute aus. Heute hatte er etwas Besonderes vor, an diesem herrlichen, freien, nicht betreuten, nicht verplanten Nachmittag.

Er hatte sich nämlich verabredet. Einfach so. Er tobte mit seinem Freund eine Weile im Garten herum, anschließend aßen sie sehr viel Eis trotzdem es November war. Schließlich gingen sie mit dem Hund zum Bach und bewarfen sich am Ufer mit Laub. Es war herrlich. Ein ganz normaler Nachmittag?

Für viele Kinder nicht mehr. Leider.

„Was hast Du heute gemacht?“ fragte der Vater am Abend.

„Ach, ich habe mit Gott im Garten gespielt“, sagte der Junge. „Kiek an“, sagte der Vater. Er hatte wohl nicht richtig zugehört. Gott kann man im anderen Menschen finden. Das hatte der Junge im Kindergottesdienst gehört. Kinder erwarten von jedem Augenblick alles. Das meint Gott, wenn er davon spricht, dass wir werden sollen, wie die Kinder!


Radioandachten von Martin Kaminski bei Radio Ostfriesland und Radio Nordseewelle im September 2017:

Gedanken von Martin Kaminski zu Markus 1,40-45 (Die Heilung eines Aussätzigen)

Sieh zu …

Die deutsche Sprache ist hin und wieder schon merkwürdig. „Sieh zu“ hat Luther Jesus in den Mund gelegt. Dieser hatte soeben einen Aussätzigen geheilt. Immerhin. Das ist ja mehr als nichts.

Er ging auf die Knie und Jesus hatte Mitgefühl. Machte ihn rein von dem was den Aussätzigen beschwerte. So war dieser nicht mehr ausgesetzt, konnte wieder teilhaben, fröhlich seines Weges ziehen.

Die Priester sollten seine Heilung bestätigen und der ehemals Aussätzige sollte auf keinen Fall darüber reden.

Manchmal klappt das ja. Manchmal redet jemand wirklich nicht, wenn wir an seine Verschwiegenheit appellieren. Und manchmal passiert genau das Gegenteil. Einer plaudert etwas aus und Stunden später redet die ganze Republik darüber.

Was wollte Jesus eigentlich mit seinem „Sieh zu“ erreichen? Hätte er nicht wissen müssen, dass ein völliger Verzweifelter im Angesicht eines neuen Lebens nicht schweigen kann?

Hätte er … Wusste er …

Aber einen Versuch war es wert. Jesus wusste nämlich auch, wieviel Elend es gibt und dass er sich nicht mehr würde zeigen können, wenn sich herumsprach was er getan hatte.

Heute wäre es nicht anders. Könnten wir am Sonntag statt zu Predigen ein paar Gelähmte heilen, wäre die Kirche voll. Vielleicht voller als uns lieb wäre. Stattdessen mühen wir uns redlich die Bedeutung der Wunder für unseren christlichen Glauben zu interpretieren. Manche lassen es damit nicht genug sein, sondern berichten von „echten“ Wunderheilungen durch innige Gebete. Letzteres macht mich etwas ratlos. Ob Gott Wunderheilungen auch heute ermöglicht – und zwar durch das Gießkannenprinzip? Hier mal ein Wunder, dort mal nicht.

So war Gott damals nicht, so ist er heute nicht. Wir können niemanden gesund beten. Aber wir können Gott in den Ohren liegen uns es ihm überlassen.

Ihm, weil er eben Gott ist. Und keine Wunschmaschine.

Ob die Geschichte von der Heilung des Aussätzigen wahr ist?

Ja. Sie ist es. Sie ist genauso war, wie die Geschichte von Norbert. Dank Jesus lernte er wieder laufen in diesem Leben. Er war zwar nicht körperlich gelähmt, aber doch immerhin seelisch. Gebeugt, geknechtet, verstoßen. Jesus gab ihm seine Würde zurück. Ich wurde Zeuge seiner Auferstehung mitten im Leben. Ein Wunder, finde ich. Ich kenne nämlich genug Menschen, die trotz inniger Versuche und viele Gebete am Boden liegen bleiben. Und ich finde das furchtbar traurig.

Heute will ich Gott damit in den Ohren liegen. Er möge sie heilen. Ganz bald.

Seht zu, dass wir das Beten für die Aussätzigen nicht vergessen.